Schreiben & Performen einer zukünftigen Kommune

AYREEN ANASTAS, ADANIA SHIBLI, RENE GABRI

Brot. Freiheit. Würde. Soziale Gerechtigkeit. Selten betrachten wir diese Wörter als untrennbar miteinander verbunden. Dennoch wurden diese Wörter zur immer wieder gerufenen, zentralen Parole, mit der sich hunderttausende Demonstrant*innen im Jahr 2011 gegen die Regime mehrerer Länder wandten, zuerst in Tunesien, dann in Ägypten, Libyen, in Syrien, im Jemen, in Bahrain und anderswo.

Was diese Wörter miteinander verbindet, lässt sich nur als revolutionärer common sense (Gemeinsinn) begreifen: der Ausgangspunkt, auf den sich aufständische Menschen stützen, um ihre Forderungen zu formulieren. Es lässt sich durchaus behaupten, dass die Hervorbringung solcher Parolen eine der ersten intellektuellen Erfahrungen von ‚Gemeinsamkeit‘ darstellt, welche die Revolutionär*innen erleben. Und common sense, wie Clifford Geertz 1975 schreibt, „liegt uns so schlicht vor Augen, dass es beinahe unmöglich ist, ihn zu erkennen“. Brot. Freiheit. Würde. Soziale Gerechtigkeit.

Das Projekt A Scenario for Togetherness setzt ein Handbuch um, das von vielen Menschen und Gruppen aus aller Welt und verschiedenen Epochen verfasst wurde, die in mehreren Sprachen neue Formen des Zusammen- und In-Gemeinschaft-Lebens vorschlagen. Diese Vorschläge sollen uns Richtungen aufzeigen, die über die üblicherweise verfüg-baren Rahmenbedingungen hinausgehen, in denen wir uns ‚Gemeinschaft‘ vorstellen (wie zum Beispiel Nationalismus, Klasse, Individualismus, Humanismus, Einsprachigkeit, Religion, Ethnizität).

Das Projekt schöpft aus dem Vermächtnis vergangener Revolutionen, wobei es sie bewusst nicht als ‚gelungen‘ oder ‚gescheitert‘ wahrnimmt. Stattdessen werden wir deren weiterhin vorhandene Auswirkungen und Spuren betrachten, auch diejenigen, die sich uns manchmal entziehen oder die wir nicht wahrnehmen, während sie doch, so Geertz, „so schlicht“ vor unseren Augen liegen. Dementsprechend gräbt A Scenario for Togetherness nach dem Vermächtnis vergangener Revolutionen, ja, plündert diese im Sinne des common sense: das Denken und die Sprache der Gruppen und Menschen, die in heutigen Revolutionen tätig sind oder in vergangenen gewirkt haben. Der gesamte Schreibprozess des Handbuchs und der folgenden Aufführung wird durch-gängig von einer Vision des ‚Gemeinschaftlichen‘ geleitet. In diesem Sinne soll das Projekt Ideen und die Vorstellung von gelebten Situationen aus diesen Ideen hervorbringen, sie zusammenführen, ähnlich der Verbindung zwischen dem praktischen und informellen Vorgang der Brotbeschaffung und den großen, abstrakten Forderungen nach Freiheit, Würde oder sozialer Gerechtigkeit, die alles beinhalten, was diesen gemeinschaftlichen Sinn ausmachen könnte.

Da das Projekt darauf zielt, das ‚Zusammensein‘ und das ‚Gemeinsam-haben‘ zu schreiben und aufzuführen, musste es herkömmliche Schreib- und Inszenierungsmethoden infrage stellen, speziell das individuelle Verfassen oder Auf-führen eines Textes. An diesem Punkt kommen das ‚soziale Schreiben‘ und die ‚Aufführung als gemeinsames Leben‘ als Methoden für dieses Vorhaben ins Spiel. Soziales Schreiben und Aufführen verfolgen also einen Ansatz, der Schreibende und Aufführende als gemeinschaftliche Körper versteht.

In diesem Zusammenhang erinnern wir an Roland Barthes‘ Aufsatz La mort de l’auteur (Der Tod des Autors): „[I]n den ethnographischen Gesellschaften wird die Erzählung nie von einer Person getragen, sondern von einem Mittelsmann, einem Schamanen oder Vortragenden, dessen ‚Performanz‘ (das heißt dessen Beherrschung des Erzählcodes) man äußerstenfalls bewundern kann, aber nie dessen ‚Genie‘. Der Autor ist eine moderne Figur, die vermutlich in dem Maß von unserer Gesellschaft hervorgebracht wurde, in dem sie im ausklingenden Mittelalter mit dem englischen Empiris-mus, dem französischen Rationalismus und dem persön-lichen Glauben der Reformation den Glanz des Individuums oder, wie es vornehmer heißt, der ‚menschlichen Person‘ entdeckt hat. Es ist also logisch, daß der Positivismus, die Kurzfassung und Vollendung der kapitalistischen Ideologie, im Bereich der Literatur der ‚Person‘ des Autors die größte Bedeutung beigemessen hat.“

Indem wir social writing und performing as living als Vorgehen beim Zusammenstellen und beim Nachdenken darüber, wie wir zusammen leben können vorschlagen, wird das Vorhaben ebenso durch die folgenden Fragen geleitet: Lässt sich mit social writing ein Korpus geteilter Prinzipen und Strategien entwickeln, um eine neue Weise des Zusammen-seins zu formulieren? Wenn die Revolutionär*innen den Aufführungsraum übernähmen, welcher Art von Performance sähen sie sich verpflichtet? Wenn Politik die Performance einer Macht ist, über die man nicht verfügt, wovon ist dann Kunst eine Performance?


Adania Shibli (Palästina, 1974) schreibt Romane, Theaterstücke, Kurzgeschichten und narrative Aufsätze. Sie forscht im Bereich der Kulturwissenschaften und visueller Kultur und unterrichtet in Teilzeit an der Bir Zait Universität in Palästina.

Ayreen ist eine wandernde Freund*in Zarathustras. Derzeit wandert sie gemeinsam mit Roland im Zauberberg und im Labyrinth namens comment vivre ensemble.

Rene – 1. April 2022. An diesem Tag schrieb diese Person mit diesem Namen genau diese Worte. Für ein Buch lautete die Vorstellung, dass sie dort für immer abgedruckt blieben. Aber was wäre, könnten die Worte sich ändern, mit dem Leben, das sie zu beschreiben vorgeben oder dem sie Eigenschaften zuschreiben?