Der französische Philosoph Henri Lefebvre, der heute insbesondere als Raumtheoretiker und Urbanist bekannt ist, schrieb in der ersten Hälfte der 1960er Jahre ein Buch über die Pariser Commune. Es erschien 1965 unter dem Titel La proclamation de la Commune und wurde bisher nicht ins Deutsche übersetzt. Nach seinem Ausschluss aus der Kommunistischen Partei suchte Lefebvre in der Auseinandersetzung mit der achtzig Jahre zuvor niedergeschlagenen Commune nach neuen Perspektiven diesseits eines orthodoxen Marxismus. Mit Paris, dem Schauplatz des historischen Ereignisses, gerieten so zunehmend das Thema der Stadt und die mit ihr verbundene Frage der zivilgesellschaftlichen Selbstorganisation (autogestion) ins Blickfeld. Lefebvre begriff die Commune als „bis zum heutigen Tag (…) einzigen Versuch eines revolutionären Urbanismus“ und den utopischen Versuch einer anderen, „von unten“ realisierten Stadtpolitik. Seine anschließenden Arbeiten zur Stadt- und Raumtheorie wie Le droit à la ville (1968, dt. Das Recht auf Stadt), La Révolution urbaine (1970, dt. Die Revolution der Städte) oder La production de l’espace (1974) wurden so im Buch über die Pariser Commune entscheidend vorbereitet.

Die Lefebvre-Werkstatt arbeitet innerhalb von Place Internationale an und mit der deutschen Erstübersetzung von Henri Lefebvres La proclamation de la Commune sowie den damit verbundenen Themen Stadt, Revolution und Sozialität. Nach einer ersten Werkstatt im September 2021 setzen wir die Lektüre und Diskussion des lefebvreschen Textes an drei Tagen im Mai fort (16.-18.5.). Zum Abschluss dieses zweiten Arbeitszeitraums übertragen wir die Texte in den Stadtraum: Am 19.5. schließen wir uns einer Exkursion mit der U79 von Düsseldorf nach Duisburg an, mit der Straßenbahn geht es in die Texturen des suburbanen Raums – auf der Suche nach zeitgenössischen Fragen und Formen des Kommunen. Die Werkstatt versteht sich als offener Arbeitszusammenhang, in dem unterschiedliche Interessen, Wissensstände, Motivationen und Hintergründe produktiv zusammenfinden können. Alle, die sich für die Commune, Lefebvre, Fragen von Stadt, Übersetzung, Selbstorganisation und Revolution oder einfach für freudvolle Arbeit mit und am Text und historischen Material interessieren, sind herzlich willkommen.

19. Mai, ab 16 Uhr, Start am KAP1: Exkursion Auch verbietet uns nichts, uns eine Untergrundbahn auf dem flachen Land vorzustellen oder Dinge auszudenken, die weder Städte noch Dörfer (noch Vororte) wären (es gibt sie schon). Eine Reise mit der U79 von Düsseldorf nach Duisburg
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Laura Strack studierte Theaterwissenschaft, Romanistik und Literaturübersetzen in Bochum, Tours und Düsseldorf. Von 2017 bis 2021 promovierte sie zum Thema „Farsi comune. Topographien prekärer Theaterorte im Europa der Gegenwart“ am bi-nationalen Graduiertenkolleg ›Europäische Kulturstudien‹ der Universitäten Düsseldorf und Palermo. In Forschung und Lehre interessiert sie sich besonders für (Denk-)Figuren des Gemeinsamen, soziale Bewegungen und kritische Praxis, Theater als Ort und in verschiedenen Räumen (z.B. Stadt und Land), Praktiken der Endlichkeit, poststrukturalistische Philosophie und Übersetzungstheorie. Zwischen Theorie und Praxis arbeitet sie freiberuflich mit verschiedenen Kunstschaffenden und Kulturinstitutionen in Deutschland, Frankreich und Italien zusammen, darunter aktuell das Goethe-Institut und das Institut français Palermo, das Forum Freies Theater Düsseldorf, das Nationaltheater Mannheim, die Netzwerkinitiative Cheers for Fears, das Programm Interkultur Ruhr, das Festival Teatro Bastardo u.a. Als Übersetzerin überträgt sie theoretische und literarische Texte aus dem Französischen, Italienischen und Englischen ins Deutsche. Zuletzt erschien bei Turia + Kant ein Sammelband mit Texten des französischen Philosophen Gérard Granel in ihrer Übersetzung.

Klaus Ronneberger Studium der Kulturanthropologie und europäischen Ethnologie, Soziologie und Politikwissenschaften. In den neunziger Jahren war er Mitarbeiter am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main. 2004-2006 Forschungsprojekt über die moderne Architektur in der Sowjetunion (zusammen mit Georg Schöllhammer und Markus Weisbeck). 2006-2007 war er für die documenta 12 tätig. Im Sommersemester 2008 Gastprofessur an der Universität Kassel, in den letzten Jahren Lehrtätigkeiten an den Universitäten Kassel und Frankfurt. Seit 2018 ist er Teil der interdisziplinären Forschungsgruppe „Stadt als Fabrik“, die sich mit den Zusammenhängen von Logistik und Stadtentwicklung beschäftigt und den Umzug des FFT Düsseldorf begleitet. Er lebt und arbeitet heute als freier Publizist in Frankfurt.

Moritz Hannemann Studium der Theaterwissenschaft und der Allgemeinen und vergleichenden Literaturwissenschaft / Komparatistik, danach Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Theaterwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum, seit 2021 Mitarbeiter der künstlerischen Leitung und Geschäftsführung sowie Teil der Dramaturgie des FFT Düsseldorf.